Wissen­schaftliche Erkenntnisse ernst nehmen

Wissenschaftliche Erkenntnisse finden viel zu selten Eingang in die politische Entscheidungsfindung. Wir müssen feststellen, dass seit Jahren in vielen Bereichen eine gewaltige Lücke zwischen unseren Erkenntnissen – insbesondere aus dem wissenschaftlichen Bereich – und gelebter politischer Entscheidungen klafft. Vielmehr stehen (vermeintliche) Interessen von Wählenden und Vertretern verschiedenster Einzelinteressen im Mittelpunkt und lenken die Entscheidungsfindung. Hinzu kommen ideologische Hemmnisse, die faktengeleiteten Prozessen häufig im Weg stehen. Probleme werden erst angegangen, wenn der öffentliche Aufschrei groß ist. Erst dann rücken Erkenntnisse, die jahrelang brach lagen, endlich in das Bewusstsein und die Wahrnehmung der Gesellschaft und werden genutzt, um unseren Herausforderungen entschlossen entgegenzutreten. Wir treten dafür ein, 

  • zu agieren statt zu reagieren,
  • wissenschaftliche Erkenntnisse erst zu nehmen,
  • zeitnah darauf zu reagieren und
  • wissens- statt interessengetrieben zu handeln indem wir Wissen und Werte vor Lobbyinteressen stellen.

Wir können nicht alle überzeugen, müssen aber trotzdem mit allen Seiten im Gespräch bleiben, zuhören und Probleme ernst nehmen. Gemeinsam können wir mehr erreichen und für unsere Ziele brauchen wir einen breiten Rückhalt in der Gesellschaft.

Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit

Politisches Handeln spiegelt diese Ziele derzeit nicht wieder. Verwaltung und Bewahrung des bereits Erreichten stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, neue Erkenntnisse stellen die Grundlagen für dieses Erreichte aber häufig in Frage. Wir müssen die bisherige gelebte Normalität anpassen, worauf sich viele Akteure erst sehr verspätet einstellen. In der jüngeren Vergangenheit mussten wir beispielsweise beobachten,

  • wie die CSU plötzlich ihr grünes Herz entdeckt, nachdem ein Volksbegehren zum Artenschutz erfolgreich war,
  • wie die Bundesregierung ein unwirksames Klimapäckchen beschlossen hat, nachdem Fridays for Future fast ein Jahr lang jeden Freitag demonstriert hat,
  • wie die Bundesregierung menschen- und tierverachtende Zustände in der industriellen Tierhaltung und Schlachtung nach jahrelangem Ignorieren im Zuge der Pandemiebekämpfung plötzlich angeht.

Alle mit diesen Beispielen verbundenen Themen sind seit Jahren oder gar Jahrzehnten bekannt. Würden wir alle Themen sofort und beherzt angehen, sobald sie uns bekannt werden, könnten wir negative Auswirkungen begrenzen und tiefe Einschnitte verhindern. Je länger sie liegen bleiben, umso höher wird der Berg an Folgeproblemen, die wir in Zukunft lösen müssen. Wir wollen wir im Folgenden ein paar Beispiele aufgreifen und genauer beleuchten, um anhand von Fällen allgemeine aber auch konkrete Handlungsweisen für die Zukunft abzuleiten.

Vorbereitung auf die Corona-Pandemie

Im Bundestag wurde 2012 ein nationaler Pandemieplan besprochen und beschlossen, der Maßnahmen für den Pandemiefall definiert. Gestützt ist dieser Plan auf einen zugehörigen Plan des Robert-Koch-Instituts. Der Grund für die Entwicklung dieser Pläne war der damalige Ausbruch von SARS-CoV, der lokal auf wenige Fälle begrenzt werden konnte und sich nicht zu einer Pandemie entwickelt hat. Allerdings wurde die Gefahr einer solchen Pandemie für die Zukunft gesehen. Da offenkundig war, dass das Land auf einen solchen Fall nicht vorbereitet wäre, wurde untersucht, welche Vorbereitungen getroffen werden müssen, um zum einen schnell und entschlossen reagieren zu können als auch Maßnahmen definiert, die im Falle eines Ausbruches zu ergreifen wären. Als Vorbereitung wurde beispielsweise festgeschrieben, dass Schutzausrüstung in ausreichender Menge und Qualität vorzuhalten und internationalen Abhängigkeiten entgegen zu wirken sei sowie eine Personalreserve in der Medizin aufgebaut werden müsse, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Diese Vorbereitungen wurden nicht getroffen, gerade im Pflegebereich sahen wir in den letzten Jahren eher Spar- und Rationalisierungsmaßnahmen als Reservenaufbau. Wir alle haben noch vor Augen, dass nicht nur das medizinische Personal schnell an seine Grenzen stieß, auch Schutzausrüstung war Mangelware. Ebenso wenig wurden die definierten Maßnahmen eingeleitet, da 2020 offensichtlich niemand mehr von dem nur acht Jahre zuvor erstellten Plan wusste. Kopfloses Handeln war die unübersehbare Folge.

Klimawandel

Der Klimawandel als unsere aktuell größte Herausforderung für die Zukunft ist keine abstrakte Theorie unter vielen, die sich noch bewähren muss. Er ist ein wissenschaftlich begründeter Fakt. Allein der Weltklimarat (IPCC) ist ein wissenschaftliches Gremium, dem hunderte Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt angehören, die ehrenamtlich zur Arbeit des IPCC als Autorinnen und Autoren sowie als Gutachterinnen und Gutachter beitragen. Für jeden Bericht werden neue Autor*innenteams zusammengestellt. Die menschengemachte Erderwärmung führt zu umfassenden und globalen Veränderungen, die die Existenz der Menschheit als Ganzes bedrohen. Wir können dieses Phänomen insbesondere auf den Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid und Methan zurückführen. Als hauptsächliche Ursachen müssen wir

  • unsere wachstumsbasierte Art des Wirtschaftens mit immer mehr Produktion, Verkehr, Bau und
  • unsere industrielle Landwirtschaft, die, will sie unsere sehr hohen Ansprüche erfüllen, keine Rücksicht auf Umweltfragen nehmen kann,

benennen. Damit tragen wir alle zum Problem bei. Nur weil wir die Auswirkungen noch nicht täglich spüren müssen, heißt das nicht, dass es sie nicht gibt. Wir beobachten bereits jetzt

  • den Anstieg der Meeresspiegel und damit verbundene Überschwemmungen und Bedrohungen von Inseln und küstennaher Landstriche,
  • Dürrezeiten mit Ernteausfällen und Hungersnöten,
  • Regenzeiten, die ebenfalls zu Überschwemmungen, Ernteausfällen und Hungersnöten führen und
  • Hitzeperioden, die gewaltige Waldbrände auslösen.

Die Zerstörung unserer Lebensräume führt dazu, dass es verstärkt zu Verteilungsproblemen bei Land und Ressourcen und damit zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen kann. Diese sich gegenseitig verstärkenden Prozesse führen wiederum zu Flucht und Vertreibung. Auswirkungen, die wir bereits jetzt indirekt spüren.

Diese Zusammenhänge sind seit Jahrzehnten bekannt. Bisher sehen wir allerdings bestenfalls Absichtserklärungen, die nur zögerlich mit Leben gefüllt werden. Anstatt beispielsweise die Beschlüsse des Pariser Klimaabkommens endlich entschieden umzusetzen, sehen wir Klientelpolitik, die Einschnitte jeglicher Art möglichst vermeiden will. Währenddessen überschreiten wir einen Kipppunkt nach dem anderen und verschärfen das Problem immer weiter.

Artensterben

Das Artensterben berührt unser aller Existenz und Zukunft. Wir wissen, dass Arten in einem funktionierenden Ökosystem auf komplexe Weise voneinander abhängig sind und miteinander wechselwirken. Vielmals sind diese Verbindungen von außen gar nicht zu erkennen. Selbst anscheinend nutzlose oder scheinbar schädliche Arten leisten häufig Beiträge, die – wenn sie fehlen – das Ökosystem zusammenbrechen lassen und unser aller Lebensgrundlagen zerstören. Trotzdem greifen wir täglich in unsere Umwelt ein und lassen ganze Arten verschwinden. Gründe finden wir unter anderem in

  • unserer Art der Landwirtschaft, die auf Monokulturen, Überdüngung und Massentierhaltung setzen muss,
  • unserer Lebensweise, die auf rein wirtschaftliches Wachstum gestützt immer mehr Lebensräume zerstört und
  • der Klimakrise die bereits jetzt zu globalen Veränderungen unser aller Lebensgrundlagen führt und noch viel stärker führen wird.

Diese und viele weitere menschliche Einflüsse wirken sich auf die Artenvielfalt aus. Wir wissen das. Berichte und Studien informieren uns seit Jahren, dass

  • wir derzeit eine 1000-fach erhöhte Aussterberate beobachten, als dies unter natürlichen Bedingungen zu erwarten wäre,
  • eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind und im Ergebnis
  • stündlich eine Art für immer verschwindet.

Doch wir müssen alle Arten schützen, da wir nicht wissen, welche Art welchen Beitrag für unsere Lebensgrundlagen leisten. Da das Entstehen neuer Arten viele Jahrtausende, Jahrzehntausende oder noch länger dauert, sollten wir weder damit rechnen, dass die Natur das Problem für uns löst, noch dass wir diese mögliche Lösung noch erleben. Wir wissen um all diese Zusammenhänge, verschließen in der Landwirtschafts-, Energie-, Wirtschafts-, Gesundheits-, Naturschutz- und Klimapolitik aber noch immer die Augen davor.

Tierrechte

Der wissenschaftliche Beirat beim Bundeslandwirtschaftsministerium kam bereits 2015 zu dem Schluss: „in vielen der gängigen Tierhaltungssysteme besteht ein hohes Risiko für das Auftreten von Schmerzen, Leiden und Schäden für die Tiere […]. Viele der derzeitigen Haltungsbedingungen sind aus fachlicher Sicht in weiten Teilen nicht tiergerecht. […] Nutztierhaltung verliert ihre gesellschaftliche Akzeptanz und ist in ihrer gegenwärtigen Form nicht zukunftsfähig.“. Trotz der klaren Worte hatten diese Erkenntnisse aber viel zu geringen Einfluss auf die Gesetzgebung. Wir sehen noch immer eklatante Verstöße gegen anerkannte Tierrechtsnormen. Weder beachten wir Grundlagen artgerechter Haltung noch nehmen wir Rücksicht auf die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Tiere. Sie sind fühlende und denkende Lebewesen und keine Rohstofflieferanten. Die Verhaltensforschung zeigt uns zudem, dass sie mehr können, als wir immer dachten. Allein die Leidensfähigkeit ist aber bereits Anlass genug dafür, unsere Art der Tierhaltung grundlegend zu überdenken. Ethische Minimalanforderungen wie die Fähigkeitenliste der Philosophin Martha Nussbaum und Erkenntnisse der Verhaltensforschung können dabei ein Ausgangspunkt sein. Doch müssen wir immer noch Tiere sehen,

  • die in ihrem eigenen Kot und Urin stehen,
  • die nur wenig mehr Fläche als ein DIN-A4-Blatt zum Leben haben,
  • denen Körperteile ohne Betäubung entfernt oder gekürzt werden,
  • die sich aus Verzweiflung und Langeweile selbst verletzen,
  • die inmitten toter und verletzter Artgenossen leben,
  • die ihre Tötung bei vollem Bewusstsein miterleben,
  • die nie Tageslicht erleben, die nie auf Gras stehen , keinen Regen kennen, sich nie zurückziehen, ausruhen, Spaß haben, rennen, toben, springen und nie einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen können
  • und denen damit oft fast alles genommen wird, was für sie natürlich wäre.

Solche Verstöße werden zudem nur selten durch staatliche Kontrollen offengelegt. Vielmehr müssen kleine Tierschutzvereine diese Rolle wahrnehmen und auf diese Weise öffentlichen Druck erzeugen und politisches Handeln erzwingen.

Antibiotika

Die WHO warnte bereits 2017 vor dem massiven Einsatz von Antibiotika in der industriellen Massentierhaltung. Massentierhaltung funktioniert nur, wenn die Tiere mit hochdosierten Mengen Antibiotika davor geschützt werden, dass sich Krankheiten ausbreiten. Das liegt an der Haltungsform, die viel zu viele Tiere auf engstem Raum zusammendrängt und die Verbreitung von Krankheiten befördert. Würde auch nur ein Tier befallen, würde sich eine Krankheit in kürzester Zeit im gesamten Bestand verbreiten und den Betrieb gefährden. Daher ist es für die Betriebe einfacher, alle Tiere präventiv medikamentös zu behandeln. In der Hühnermast ist der Verbrauch besonders hoch, da die Betriebe Antibiotika dort auch als Wachstumsbeschleuniger einsetzen. Allerdings begünstigt dieser umfassende Einsatz von Antibiotika (oftmals auch mehrerer verschiedener Typen) das Entstehen neuer resistenter Formen bestehender Krankheitserreger. Die Antibiotika werden so mehr und mehr unwirksam. Bereits heute haben wir es mit multiresistenten Keimen zu tun, gegen die wir nur noch sehr wenige wirksame Antibiotika besitzen. Doch auch diese so genannten Reserveantibiotika werden bereits in der Tierhaltung eingesetzt. Mit unabsehbaren Folgen. Wir tun immer noch viel zu weniger dagegen, obwohl dieses für die gesamte Menschheit existenzielle Problem seit langem bekannt ist. Wir müssen verhindern, dass Antibiotika nicht mehr wirken und wir sehenden Auges in ein Fiasko für unser Gesundheitssystem laufen. Wir müssen den Einsatz von Antibiotika daher weiter drastisch reduzieren und den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tierhaltung grundsätzlich verbieten.

Pandemien

Nicht erst seit Corona wissen wir von zum Teil lebensbedrohlichen Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen überspringen können. Wir alle kennen Krankheiten wie AIDS, Ebola, Gelbfieber, Schweinegrippe, Vogelgrippe, Tollwut, Milzbrand, Tuberkulose, Malaria. All diese Krankheiten und deren Erreger sind Beispiele für sogenannte Zoonosen, die durch unser Eingreifen in Ökosysteme den Sprung vom Tier zum Menschen bereits geschafft haben. Wir dringen immer weiter in bisher unberührte Naturgebiete vor und werden immer häufiger auf Krankheitserreger stoßen, die vom Tier auf den Menschen überspringen können. In der Folge können jederzeit neue Pandemien entstehen. Wir wissen, dass die Frage an dieser Stelle nicht lautet, ob es passieren wird, sondern vielmehr wann. Zudem ist vollkommen unklar, welches Ausmaß mögliche Ausbrüche erreichen. Wir wissen, dass wir auf einen hochansteckenden und hochtödlichen Erreger stoßen könnten. Die uns bekannten Spannen dieser beiden Eigenschaften lassen Schlimmes befürchten. Dass wir bisher auf Erreger gestoßen sind, die nur in einer der Eigenschaften hervorstechen, darf uns nicht in Sicherheit wiegen.
An dieser Stelle ist Umweltschutz auch gelebter Gesundheitsschutz. Wir kennen alle Zusammenhänge seit Jahrzehnten, verschließen aber die Augen davor. Uns bringt hier nur ein weltweites gemeinsames Handeln weiter. Die Größe der Aufgabe darf nicht der Grund dafür sein, sie zu ignorieren.

Arbeitnehmerrechte

In vielen Bereichen der Wirtschaft finden wir Angestellte, die unter skandalösen Bedingungen arbeiten müssen und vielfach über Werkverträge und Subunternehmen beschäftigt werden. Solche Konstrukte der organisierten Verantwortungslosigkeit finden und fanden sich beispielsweise in Schlachthöfen, bei Erntehelfern, in der Pflege und im Baugewerbe.
Auch hier können wir das immergleiche Schema beobachten. Die Bedingungen, unter denen die Menschen arbeiten müssen, sind nur zu gut bekannt. Nicht umsonst wird dieser Niedriglohnsektor weithin als moderne Sklaverei bezeichnet. Lange Arbeitszeiten gepaart mit niedrigen Akkordlöhnen sind die Regel. Dokumentiert in vielen Reportagen und Berichten wurden die Bedingungen über Jahre angeprangert. Passiert ist nichts; handelt es sich doch zumeist um Menschen aus Osteuropa, die leider keine allzu große Lobby besitzen.
Als sich im Rahmen der Corona-Pandemie Schlachthöfe zu verstärkten Ausbruchsherden entwickelt hatten und der bekannte Aufschrei der Öffentlichkeit nun endlich nicht mehr ignoriert werden konnte, haben die Regierungsparteien endlich reagiert. Anderenfalls hätte sich auch weiterhin nichts zum Besseren gewendet. Doch leider kamen die Regelungen nicht nur zu spät, sondern sind auch viel zu begrenzt. DieVerbote und Regeln im neuen Gesetz bringen nur etwas, wenn wir sie auch kontrollieren. Die im Gesetz verankerte Mindestbesichtigungsquote bedeutet aber, dass im Zweifelsfall ein Betrieb nur alle 20 Jahre kontrolliert wird, schwarze Schafe haben es so leicht. Unverständlich ist zudem, warum die Verbote der Werkverträge nicht auch auf andere Branchen ausgeweitet werden, die ebenso negativ betroffen sind. Subunternehmen und organisierte Verantwortungslosigkeit betreffen u.a. auch die Baubranche. Eine derartige Ungerechtigkeit im Niedriglohnsektor darf es gerade in einem reichen Land wie Deutschland nicht geben. Wir treten dafür ein, die Ausbeutung in allen Bereichen und Branchen zu beenden und für eine präventive und vorausschauende Politik.

Wir wissen gar nicht, was wir alles wissen

Um Wissen anwenden zu können, ist die grundlegende Voraussetzung, dass es bekannt ist. Wir müssen aber immer wieder feststellen, dass wir gar nicht wissen, was wir alles wissen. Wir schreiben tagtäglich Studien, Berichte und Pläne, die dann in Schubladen verstauben. Benötigen wir die Erkenntnisse, müssen wir vielmals bei Null anfangen.
Solche Fälle lassen sich leicht finden; exemplarisch können wir ein paar Beispiele heranziehen.

  • Enquete-Kommissionen des Bundestags: Der Bundestag beruft zu wichtigen gesellschaftlich relevanten Themen in loser Folge Expertenkommissionen ein, die sich frei und unabhängig mit zukunftsträchtigen Themen befassen sollen. Sie entwickeln dabei Entscheidungsgrundlagen für langfristige politische Vorhaben. Bisher wurden Themen wie Bewertung wirtschaftlichen Wachstums, nachhaltiger Energieversorgung sowie Umwelt- und Klimaschutz bearbeitet. Eine Rückwirkung in die Politik der Bundesregierung ist nicht erkennbar.
  • Kleine Anfragen: Oppositionsparteien in den Parlamenten haben nur begrenzte Mittel, um die Arbeit der Regierung und der sie tragenden Mehrheitskoalition zu prüfen und kritisch zu hinterfragen. Eines der wirksamsten und am häufigsten eingesetzten Mittel ist das der Kleinen Anfrage. Das sind Auskunftsersuchen von Mandatsträgern an die Regierung. Es werden beispielsweise regelmäßig Fragen zur Ausführung und Wirksamkeit von Gesetzen gestellt. Leider sind diese Dokumente in der Öffentlichkeit nur wenig bekannt, obwohl formal öffentlich zugänglich. Leider ist es schwer bis unmöglich sie gezielt zu durchsuchen und interessante Antworten zu finden. Auf diese Weise geht wichtiges Wissen für die öffentliche Debatte verloren.
  • Wissenschaftliche Artikel werden in der Regel in rennomierten Fachzeitschriften veröffentlicht. Zugriff auf die Artikel erhält man nur durch ein zumeist hochpreisiges Abonnement dieser Zeitschriften, das sich nur die wenigsten Bibliotheken leisten können. Wissen verschwindet so hinter einer Paywall, ist also nur zahlungskräftigen Personen zugänglich. Doch viele dieser Artikel entstehen aufgrund von Forschungstätigkeiten an staatlichen Universitäten und Hochschulen. Da wir alle diese Einrichtungen über Steuergelder finanzieren, haben wir alle ein Anrecht auf Zugriff auf diese Erkenntnisse, Open Access ist ein etabliertes Format, das an dieser Stelle weitere Verbreitung finden muss, damit alle Interessierten jederzeit auf den aktuellen Forschungsstand zugreifen können.

Wir müssen anders mit Wissen umgehen, um es als Ressource nutzbar zu machen. Informieren wir uns gemeinsam über aktuelle Entwicklungen, und sorgen dafür, dass wir unsere mühsam errungenen Erkenntnisse auch nutzen können. Wissen muss nicht nur öffentlich zugänglich sein, wir müssen auch dafür sorgen, dass es gezielt gefunden werden kann.

Was uns die Beispiele zeigen

Politisches Handeln gründet sich zu selten, zu spät und zu inkonsequent auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Ein wichtiger Grund findet sich in der verschiedenen Wesensart politischer und wissenschaftlicher Entscheidungsfindung und Kommunikation, was im Folgenden genauer beleuchtet werden soll.

Wissenschaftliche Erkenntnisfindung durch Zweifel und Verbesserung

Wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen auf einem von außen kompliziert anmutendem Weg. Ausgangspunkt ist eine neue Erkenntnis, die eine forschende Person erkannt hat. Sie dokumentiert diese Erkenntnis, indem zugrundeliegende Experimente beschrieben und Rahmenbedingungen beleuchtet werden, um es anderen zu ermöglichen, diesen Weg nachvollziehen und wiederholen zu können. Sie stellen diese Dokumentation anderen Forschenden zur Verfügung, die die Methoden und Ergebnisse prüfen (z.B. mittels Peer-Review-Verfahren). Im Erfolgsfall – und nur dann – wird der Artikel in renommierten Fachzeitschriften publiziert, ist fortan Teil des wissenschaftlichen Kanons und muss sich dann fortwährend bewähren. Im wissenschaftlichen Diskurs müssen sich Erkenntnisse immer wieder neuen Wissensständen anpassen. Irrtümer sind Bestandteil und kein Fehler des Systems. Forschende greifen sie auf und beseitigen sie. Auf diesem Weg wird unser Wissen schrittweise verbessert. Was zum wissenschaftlichen Kanon gehört, können und müssen wir ernst nehmen, der wissenschaftlichen Erkenntnisfindung können wir vertrauen. Zweifel sind gerechtfertigt, müssen aber wissenschaftlich haltbar begründet werden.

Öffentlicher Diskurs unterscheidet sich von wissenschaftlicher Erkenntnisfindung

Der öffentliche Diskurs funktioniert vollkommen anders als wissenschaftliche Erkenntnis. Ist die Wissenschaft nur sich selbst verpflichtet, sehen wir in der öffentlichen Debatte andere Beweggründe. Die Wählerschaft muss informiert und interessiert, wirtschaftliche Akteure bedacht und das eigene Parteiprogramm umgesetzt werden. Politische Profile müssen sichtbar werden, Gegensätze erkennbar. So werden Meinungsäußerungen oft zum zentralen Aktionsfeld. Meinungsänderungen werden kritisch beäugt – was gestern galt muss auch heute und morgen gelten. Kompromisse verkommen zur Verwässerung des eigenen Standpunktes. Das Eingeständnis von Irrtümern kommt einer politischen Bankrotterklärung gleich. Streit und Diskurs werden als Chaos, nicht als Art der Lösungsfindung wahrgenommen. In einem solchen Umfeld ist es geradezu unmöglich, nach sich ändernden wissenschaftlichen Erkenntnissen zu handeln.
Diese Reibungspunkte bieten in der Folge Einfallstore für Akteure, die ihre Interessen durchzusetzen versuchen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden systematisch zerredet

Interessengeleitete Akteure versuchen durch finanzierte und zielgerichtete Forschung und Studien den wissenschaftlichen Prozess zu unterlaufen und tendenziöse Ergebnisse auf fragwürdiger Basis in der Debatte zu platzieren. Sie versuchen damit, sichtbar und wahrgenommen zu werden. Da sie den Schein wissenschaftlicher Erkenntnis wahren, werden sie künstlich mit Glaubwürdigkeit aufgeladen und in der öffentlichen Debatte leicht als gleichwertig aufgenommen. Dieses Phänomen ist unter dem Begriff „Junk Science“ bekannt und bei den Debatten über die Schädlichkeit des Rauchens bekannt geworden. Derzeit wird damit insbesondere die Forschung zum Klimawandel diskreditiert.
Aber auch Personen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen nehmen Einfluss. Fake News sind in aller Munde. Mit bewussten Falschaussagen soll die öffentliche Meinung in eine gewünschte Richtung gelenkt werden. Von meinungsstarken Persönlichkeiten vorgebracht, ist es schwer, diese durch Richtigstellung wieder einzufangen.
Neben vollkommen erfundenen „Fakten“ können auch verzerrt oder nur teilweise verstandene oder wiedergegebene wissenschaftliche Beiträge die öffentliche Debatte lenken und beeinflussen. Unliebsame Details werden weggelassen, bekannte Beschränkungen ignoriert, Sonderfälle generalisiert. Auf diese Weise können wissenschaftliche Beiträge so verdreht oder verkürzt werden, dass sie plötzlich das Gegenteil aussagen oder stützen.
Eine MIT-Studie zum Thema Fake-News hat erstaunliche Erkenntnisse erbracht. So benötigt eine richtige Nachricht bei Twitter etwa 6-mal so lang bis sie 1.500 Personen erreicht hat, als eine falsche. Das liegt darin begründet, dass falsche Informationen etwa 70% häufiger geteilt werden als richtige.

Öffentlichen Diskurs entschärfen, wissenschaftliche Standards beachten

Die aktuelle Art des öffentlichen Diskurses erschwert die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Wir müssen die ideologisierte und meinungsbasierte Kultur durchbrechen und das Streiten um Lösungen in Form von Kompromissen, die auf wissenschaftlichen Fakten stehen, als gute politische Gepflogenheiten wahrnehmen. Nur so stellen wir sicher, dass wir überholte Denkmuster aus unseren Entscheidungsprozessen entfernen und uns für neue Erkenntnisse aus der Wissenschaft öffnen. Stellen wir fest, dass unsere bisherigen Annahmen falsch waren, müssen wir bereit sein, neue Erkenntnisse zur Basis unseres Handelns zu machen. Das Festhalten an überkommenen Vorstellungen darf unsere Entscheidungen nicht bestimmen.
Wir müssen zudem darauf achten, Beiträge in der öffentlichen Debatte immer wieder auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu prüfen und kritisch zu hinterfragen. Nicht jeder Beitrag ist darauf bedacht, neutral über Themen zu berichten.

Vorausschauendes und präventives Handeln statt Reagieren auf Probleme

Wir müssen anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Basis unseres politischen Handelns machen. Wir dürfen nicht länger darauf schauen, was wir jetzt und heute brauchen, um unser gewohntes Leben in der bekannten Form fortsetzen zu können. Damit verschieben wir Probleme nur in die Zukunft anstatt sie zu lösen. Außerdem verschieben wir sie nicht nur. Indem wir sie ignorieren, wachsen sie uns über den Kopf; sie verschwinden nicht von selbst, sondern werden größer. Größere Probleme sind aber auch schwerer zu lösen. Indem wir uns heute kleine Änderungen unseres Lebens ersparen, bürden wir uns für die Zukunft tiefe Einschnitte auf.

Es mangelt nicht an (wissenschaftlichen) Erkenntnissen, sondern an entschieden handelnder Politik. Nehmen wir die Erkenntnisse ernst; reagieren wir nicht länger, agieren wir!


Wir dürfen nicht länger damit warten, Zukunftsthemen erst dann anzugehen, wenn wir sie als Krisen wahrnehmen oder der öffentliche Aufschrei nach einer Lösung unüberhörbar ist. Diese kurzsichtige Perspektive und die damit verbundene aufgehitzte Debatte verstellen uns die Sicht auf die wirklichen Probleme und verhindern vorausschauendes Handeln. Es mangelt nicht an (wissenschaftlichen) Erkenntnissen, sondern an entschieden handelnder Politik.