Raus aus dem Pflegenot­stand

Pflegekräftemangel: Steigender Bedarf an Pflegekräften bei gleichzeitig geringer Attraktivität

Wir alle wünschen uns im Bedarfsfall eine schnelle und umfassende Versorgung auf höchstem medizinischem Niveau. Gleichzeitig beobachten wir seit Jahren einen hohen und steigenden Bedarf an gut ausgebildeten Pflegekräften. Dieser Bedarf kann aber offenkundig nicht befriedigt werden. Der daraus resultierende Pflegenotstand ist in aller Munde. Uns fehlen aktuell etwa 149.000 Pflegekräfte, davon etwa 80.000 in der Kranken- und 60.000 in der Altenpflege.

Wir müssen uns an der Stelle eines klar machen. Personalmangel in der Pflege hat grundsätzlich andere Auswirkungen als Personalmangel in der Industrie. Ist es in der Fertigung in der Regel möglich, die Herstellung von Waren zeitlich oder räumlich zu verschieben, kennt die Pflege diesen Luxus nicht. Braucht ein Mensch Hilfe, dann braucht er sie sofort. Den Betroffenen ist nicht geholfen, wenn sie in eine Warteschlange eingereiht werden müssen. Schlimmstenfalls bezahlen diejenigen einen Engpass im Personal mit ihrem Leben.

Daher muss es uns allen ein gemeinsames Anliegen sein, die Situation in der Pflege zu verstehen und schnellstmöglich Abhilfe zu schaffen. Bevor wir uns allerdings mit konkreten Problemen im Bereich der Pflege befassen können, müssen wir ein gemeinsames Verständnis über die Inhalte und Besonderheiten von Pflegeberufen entwickeln.

Berufsbild Pflege als komplexe Tätigkeit mit viel Fachwissen

Anders als uns dies in gängigen Klischees aus Krankenhäusern vermittelt wird, lastet auf Pflegekräften der hauptsächliche Kontakt zu Patient*innen. Sie haben – im Gegensatz zu ärztlichem Personal, das sich eher auf diagnostische Tätigkeiten konzentriert – andauernden Kontakt zu ihren Patient*innen und müssen deren aktuellen Zustand permanent im Blick halten. Bei Problemen und Notfällen müssen sie jederzeit in der Lage sein, angemessen zu reagieren. Sie müssen sich bei jedem Dienstantritt mit wechselnden Patienten vertraut machen und wissen, wie sie diese angemessen versorgen können. Das setzt umfangreiches Fach- und Spezialwissen voraus.

Einsatzbereiche: ambulante und stationäre Kranken-, Kinder- und Altenpflege

Wir sehen verschiedene grundsätzliche Berufsbilder im Pflegebereich. Zum einen lassen sich die generalistische Kranken-, die Kinder- und die Altenpflege unterscheiden. Alle drei sind Ausbildungsberufe, die zu weiten Teilen gleiche Ausbildungsteile umfassen. Gegen Ende der Ausbildung müssen sich die auszubildenden Personen für einen der drei Wege entscheiden. Die generalistische Ausbildung umfasst Inhalte für alle Einsatzbereiche und ermöglicht Tätigkeiten in allen Disziplinen; die Ausbildung in den Bereichen Alten- und Kinderpflege umfasst besondere Spezialisierungen für den jeweiligen Bereich und befähigt zur Tätigkeit in den jeweiligen Bereichen. Neben der inhaltlichen Unterteilung der Berufsbilder beobachten wir zudem Unterschiede im Einsatzort. Wir können zwischen stationärem und ambulantem Einsatz differenzieren. Ersteres findet in Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder ähnlichen Einrichtungen statt. In der ambulanten Pflege besuchen die Pflegekräfte die zu Pflegenden in deren heimischen Bereich. 

Hohes Berufsethos: Pflegekräfte haben eine starke innere Motivation

Wie bei vielen Tätigkeiten im sozialen Bereich auch, sehen wir bei Personen, die im Pflegebereich tätig sind, eine Gemeinsamkeit in der Persönlichkeit. Sie sind aus sich heraus stark motiviert, eine hervorragende und umfassende Leistung zu erbringen. Die zu Pflegenden stehen für sie klar im Mittelpunkt und sie sind bereit, ihre persönlichen Belange zurücktreten zu lassen, um anderen Menschen zu helfen. Dieser nicht zu unterschätzende Wille macht sie im Umkehrschluss natürlich leider auch hoch anfällig dafür, sich mit unangemessenen Rahmenbedingungen abzufinden.

Wertschätzung: Pflege als komplizierte und komplexe Tätigkeit wahrnehmen

Wir müssen in der öffentlichen Debatte zudem leider viel zu oft beobachten, dass wir den Umfang der Tätigkeiten und den Einsatzwillen der Betroffenen nicht angemessen wertschätzen.

So sind auch politische Akteure schnell mit vermeintlich einfachen Ratschlägen zur Stelle, wie wir das Problem fehlender Pflegekräfte einfach in den Griff bekommen können. So müssen wir allzu oft hören, dass wir doch einfach schnell beliebige arbeitssuchende Personen umschulen könnten. Bereits legendär ist in diesem Zusammenhang der Vorschlag geworden, die aufgrund der Schlecker-Pleite arbeitslos gewordenen Menschen zu Pflegekräften umzuschulen. Damit wird der Eindruck erweckt, dass sich zwei Probleme mit einem einfachen Ansatz lösen ließen. Nun mag dies in Einzelfällen durchaus ein sinnvoller Vorschlag sein. Allerdings erwecken wir mit solchen Einlässen den Eindruck, dass es sich bei der Pflege von Menschen um eine Tätigkeit handelt, die so einfach zu lernen und auszuführen ist, dass das jede verfügbare Person tun kann. Das wird der Realität aber nicht ansatzweise gerecht. Es bedarf wie bereits skizziert vieler persönlicher Voraussetzungen und einer umfassenden Ausbildung, die eine Vielzahl komplexer medizinischer Themen umfasst.

Von der Sonntagsrede in die Realität: Raus aus dem Pflegenotstand!

Erst wenn uns allen dieser Zusammenhang klar ist und wir endlich einsehen, dass Pflegekräfte keinen Beruf wie jeden anderen ausführen, werden wir ihren Einsatz wirklich angemessen und umfassend wertschätzen können. Das ist die Voraussetzung dafür, dass wir Verbesserungen angehen wollen. Und das ist dringend notwendig. Untersuchungen haben ergeben, dass Pflegende aufgrund von Unzufriedenheit den Beruf bereits nach durchschnittlich 7,5 Jahren verlassen; mindestens jede fünfte Pflegekraft denkt aktuell darüber nach; je nach Untersuchungsgegenstand trifft dies gar auf bis die Hälfte zu.

Doch nicht nur die öffentliche Debatte lässt Wertschätzung den Pflegekräften gegenüber vermissen. Wir alle müssen auch unser eigenes Verhalten kritisch hinterfragen, wenn wir Angehörige in Pflegeheimen oder Krankenhäusern besuchen oder selbst betroffen sind. Wir müssen uns der beschwerlichen Situation der Pflegekräfte immer bewusst sein, wenn etwas nicht so reibungslos läuft, wie es sollte. Dass die Oma keine Mütze auf den Kopf bekommt oder der Vater ein wenig länger auf seinen Tee warten muss, hat nichts mit mangelnder Bereitschaft zu tun; vielmehr müssen wir uns klarmachen, dass Personalmangel und Zeitnot ihren Tribut fordern.

Ausbildung: Ausbildungsinhalte und Einführung in die Praxis

Menschen, die als Fachkraft in der Pflege arbeiten möchten, entscheiden sich hauptsächlich für den Weg einer Berufsausbildung. Innerhalb dieser drei Ausbildungsjahre werden ihnen nicht nur umfangreiche theoretische Kenntnisse vermittelt, auch ein hoher Praxisanteil ist vorgesehen. Die Ausbildung wurde in den letzten Jahren in eine generalistische Form vereinheitlicht, die neben der allgemeinen Krankenpflege auch Spezialkenntnisse für Alten- und Kinderpflege vermittelt. Eine Wahlmöglichkeit zwischen diesen drei Bereichen besteht für die Auszubildenden aber weiterhin. Ein späterer Wechsel zwischen den Berufsbildern wird dadurch erschwert.

Die praktische Ausbildung der zukünftigen Pflegefachkräfte weist leider einige Defizite auf. Sie werden in der Regel direkt in die Dienstpläne integriert und sind ähnlich einer Vollzeitkraft mit Aufgaben betreut. Den für die Ausbildung zuständigen Kräften wird zudem kein Freiraum eingeräumt, um Auszubildende an die Tätigkeiten heranzuführen und anzulernen. Dies alles muss im Tagesgeschäft „abfallen“. Das verstärkt nicht nur den bereits ohnehin erheblichen Druck, der auf dem Personal in Pflegeeinrichtungen liegt, sondern ist für den Einstieg der Berufsneulinge nicht förderlich.

Gewinnorientierung: medizinische Versorgung wird den Gesetzen der Märkte unterworfen

Wie in anderen Bereichen sehen wir auch in der medizinischen Versorgung eine immer stärkere Durchdringung mit marktwirtschaftlichen Ansätzen. Wir unterwerfen Krankenhäuser, Pflegeheime und vergleichbare Einrichtungen vorrangig finanziellen Interessen. Der Mensch und dessen Genesung bzw. Betreuung steht somit nicht mehr im Mittelpunkt. Viele Einrichtungen, die früher öffentlichen Trägern unterstellt waren, wurden im Zuge dieser Entwicklung in gewinnorientierte Unternehmen umgewandelt, was uns eine Vielzahl von Problemen beschert. So müssen Gewinne erwirtschaftet werden, die nicht mehr dem Wohl der zu Pflegenden dienen können. Finanzielle Gesichtspunkte in der medizinische Betreuung führen zu Zeit- und Kostendruck sowie Personalknappheit, die letzten Endes zu menschenunwürdigen Verhältnissen führen.

Beispielhaft können wir diese Entwicklung am Unternehmen Helios besichtigen. Dieser Träger mit 110 Kliniken hat im Jahr 2017 einen Gewinn von 728 Millionen € erwirtschaftet. Letzten Endes sehen wir hier den Abzug von Geld aus dem bereits unterfinanzierten Pflegesystem um die Interessen von Investoren zu befriedigen.

Budget: Gedeckelte Krankenhauskosten, um Beiträge konstant zu halten

Wir alle tragen mit unseren Beiträgen für die Kranken- und Pflegeversicherung solidarisch die Kosten im medizinischen Bereich. Die erzielten Einnahmen müssen alle Kosten in diesem Bereich decken. Wir haben uns in der Vergangenheit als Gesellschaft über politische Entscheidungen darauf geeinigt, die prozentualen Beiträge zu diesen Versicherungen konstant zu halten. Daraus resultiert ein Betrag, den wir auf alle Einrichtungen verteilen können. Wir koppeln den Betrag, der uns die medizinische Betreuung wert ist, direkt an die Lohnentwicklung. Steigen die Löhne, so steigen die Beiträge, die die Pflegekassen maximal an die Einrichtungen verteilen können. Das gilt natürlich auch umgekehrt. Fallen die Löhne, steht automatisch weniger Geld zur Verfügung. Wir stellen den Pflegeeinrichtungen somit einen Gesamtbetrag zur Verfügung, der mit dem realen Bedarf nichts zu tun hat. Liegt dieser Bedarf aber über dem Budget oder fällt das Lohnniveau, führt dieses System zwangsläufig zu sinkender Qualität, da nicht mehr alle Bedürfnisse erfüllt werden können.

Reichen die Mittel aus den Versicherungsleistungen nicht aus, müssen die zu Pflegenden gegebenenfalls für die Erbringung von zusätzlichen Leistungen zuzahlen. Die Pflegeversicherung funktioniert also wie eine Art Teilkasko-Versicherung.

Fallpauschalen: Zeit- und Kostendruck durch idealisierte Standardmenschen

Wir müssen die verfügbaren Gelder aber trotzdem bedarfsgerecht an die Einrichtungen verteilen. Dazu gehen wir davon aus, dass alle Personen mit gleicher Diagnose den gleichen Pflegeaufwand erfordern. Wir bilden Gruppen von zu pflegenden Personen, die sich in Diagnose, Alter und weiteren Kriterien ähneln. Für jede dieser Gruppen legen wir einen Betrag und einen zeitlichen Aufwand fest, der für die Pflege eingesetzt werden kann. Auf den einzelnen Menschen, der zu pflegen ist, geht diese Idee aber nicht ein. Individuelle Bedürfnisse können nicht berücksichtigt werden. Erfüllen Pflegekräfte dennoch Wünsche, die über den Standard hinausgehen, und wenden mehr Zeit auf, macht die Pflegeeinrichtung automatisch Verlust. Versagen die Pflegekräfte zusätzliche Leistungen, führt dies schnell zur Verstimmung der zu Pflegenden. Umgekehrt sind auch die Pflegekräfte aufgrund der bereits erwähnten hohen Motivation unzufrieden mit ihrer eigenen Leistung. Letzten Endes bestrafen die Fallpauschalen beide Seiten. Das System der Pauschalen ist zudem so ungeeignet gestaltet, dass beispielsweise Operationen für Krankenhäuser lohnenswert sind, die anschließende Pflege aber nicht.

Personalknappheit: Personaluntergrenzen werden ohne Pflegekräfte ausgehandelt

Personalknappheit in der Pflege ist kein neues Phänomen. Wir definieren daher Mindeststandards, die festlegen, wie viel Personal mindestens eingesetzt werden muss. Leider werden diese Zahlen ohne direkte Mitwirkung der betroffenen Pflegekräfte festgelegt. Zuständig dafür sind die deutsche Krankenhausgesellschaft (die Interessenvertretung der Krankenhäuser) und der GKV-Spitzenverband (Vertretung der gesetzlichen Krankenversicherungen). Einigen sich diese beiden Akteure nicht, werden die Zahlen durch das Bundesgesundheitsministerium festgelegt. Wir sehen auch hier, dass die Wahl der an der Entscheidung Beteiligten, den Fokus auf finanzielle Aspekte legt. Dadurch fallen die Zahlen systematisch zu niedrig aus. Außerdem legen wir nur Untergrenzen für den Betreuungsaufwand fest. Wir können sicherlich nicht erwarten, dass Pflegeeinrichtungen, die in der Praxis unter erheblichem Kostendruck stehen, davon nach oben abweichen; sie können es gar nicht. Die Zahlen sind zudem so niedrig angesetzt, dass mancherorts gar Stellen abgebaut werden könnten. Das liegt daran, dass sich die Standards an den 25% der am schlechtesten ausgestatteten Einrichtungen orientieren.

Das führt in der Praxis dazu, dass im bundesdeutschen Durchschnitt in der stationären Behandlung eine Pflegekraft für 13 Patient*innen zuständig ist. In Norwegen hingegen liegt dieses Verhältnis bei nur 5,4. Jede Pflegekraft kann somit für jede zu pflegende Person mehr als doppelt so viel Zeit aufwenden. Nachts erhöht sich das Verhältnis noch weiter. Hier sind Pflegekräfte teilweise allein für bis zu 40 Patient*innen verantwortlich. Diese Verhältnisse sind nicht allein deswegen fatal, weil somit für die einzelnen Personen nur wenig Zeit zur Verfügung steht. Zudem sind Pflegekräfte dazu gezwungen, sich bei Dienstantritt mit allen Krankheitsbildern vertraut zu machen und im Blick zu halten. Der jeweilige Mensch hinter dem Fall ist in einer solchen Konstellation nicht mehr sichtbar. Wir müssen uns nicht wundern, wenn von „dem Knochenbruch in Zimmer 7“ gesprochen wird anstatt von „Frau Müller“ (der Extremfall wird in der Pflege als sogenannter „Coolout“ bezeichnet).

Wir alle kennen medizinische Überwachungsgeräte (Herzschlag, Atmung, …), die laute Geräusche erzeugen, um Pflegepersonal auf Probleme hinzuweisen. In Norwegen hingegen sind die Geräte stumm. Laute Geräusche sind nicht notwendig, da mehr Pflegepersonal vorhanden ist, das die Werte permanent im Blick hat.

Alle diese Punkte tragen dazu bei, dass der Pflegeberuf unattraktiv ist. Insbesondere finanzielle Aspekte sind ursächlich dafür, dass Pflegekräfte eine Lücke zwischen dem Anspruch, den sie an sich und ihre Leistung haben und dem, was sie letztendlich leisten können, spüren. Was können wir tun, um diese beiden Welten in Einklang miteinander zu bekommen und den Pflegeberuf wieder auf den Menschen zu fokussieren?

Budget: Bedarfsgerecht ermitteln und Löhne und Pflegekosten voneinander entkoppeln

Wir dürfen nicht länger zulassen, dass das Budget, das wir unseren Pflegeeinrichtungen zur Verfügung stellen können, einzig von der Lohnentwicklung abhängig ist. Wir müssen zu einer bedarfsgerechten Finanzierung übergehen und wir müssen notwendige Behandlungen oder Pflegeleistungen auch dann erbringen, wenn ein fiktives Budget scheinbar aufgebraucht ist. Ein fiktives Budget in der Pflege darf zudem nicht dazu führen, dass Leistungen nur noch durch hohe Zuzahlungen der Pflegebedürftigen erbracht werden können. Der Mensch und seine Bedürfnisse müssen im Vordergrund stehen.

Finanzierung: Private Versicherungen und Beitragsbemessungsgrenze

Wir müssen das Fundament der Finanzierung der Pflege auf eine breitere Basis stellen. Wir müssen das gegenwärtige System Privater und Gesetzlicher Kranken- und Pflegekassen überdenken. Es ist nicht ersichtlich, aus welchen Gründen zwei parallele Systeme bestehen und letzten Endes zu einer Zweiklassenmedizin führen. Alle Beitragszahlenden müssen solidarisch in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Wir alle müssen für alle anderen gleichermaßen einstehen.

Ebenso müssen wir das Konzept der Beitragsbemessungsgrenzen auf den Prüfstand stellen. Diese Grenzen bewirken, dass Einkommen über einem Betrag von derzeit 4.837,50 € nicht mehr für die Ermittlung der Beiträge herangezogen werden. Dadurch entlasten wir hohe Einkommen und Personen mit niedrigem Einkommen tragen überproportional viel zur Finanzierung der Gesundheitskosten bei. Alle Beitragszahlenden müssen solidarisch denselben Anteil ihrer Löhne und Gehälter in einen gemeinsamen Topf einzahlen. Hohe Einkommen müssen mehr leisten. Das ist fair und gerecht.

Gewinnorientierung: Ausstieg aus der Organisation als gewinnorientierte Unternehmen

Wir müssen uns fragen, ob die marktwirtschaftliche Orientierung der Pflegeeinrichtungen wirklich das ist, was wir wollen. Die aktuellen Entwicklungen zeigen uns ganz klar, dass der Mensch zur reinen Rechengröße verkommt. Wir reduzieren sein Wohlergehen auf genormte Bedürfnisse. Wir müssen wieder auf die individuellen Anforderungen jeder einzelnen Person eingehen können. Normierung und Kostendruck dürfen keine Argumente mehr dafür sein, notwendige Leistungen zu unterlassen. Pflegekräfte müssen sich auf das Wohlergehen der ihnen Anvertrauten konzentrieren können und nicht darauf bedacht sein, kostendeckend zu arbeiten. Individuelle Sonderleistungen, die sie derzeit über den genormten Anspruch hinaus vielfach erbringen, dürfen nicht weiter auf Kosten der Pflegekräfte gehen.

Wir entziehen dem Gesundheitssystem durch gewinnorientiertes Wirtschaften zusätzliche Gelder. Das ist nicht zu rechtfertigen. Wir müssen dies umgehend beenden. 

Ausbildung: Auszubildende nicht als Vollkräfte einplanen

Um die Ausbildung der zukünftigen Pflegekräfte weiter zu verbessern, dürfen wir sie während der Praxisausbildung nicht als „normale“ Pflegekräfte einsetzen. Wir dürfen Personalengpässe in der jeweiligen Einrichtung nicht auf diese Weise schließen. Die Auszubildenden müssen die Möglichkeit bekommen, sich ganz auf ihre Ausbildung und das Erlernen der dafür notwendigen Tätigkeiten zu konzentrieren. Wir müssen außerdem sicherstellen, dass das Ausbildungspersonal Freiräume erhält, um die Auszubildenden anlernen und anleiten zu können. Es darf nicht länger so sein, dass dies im Tagesgeschäft nebenbei geschieht. Wir müssen die Ausbildung als Investition in unser aller Zukunft begreifen. Keiner von uns möchte falsch behandelt werden, weil Zeit- und Personalmangel die Ausbildung unserer Pflegekräfte beeinträchtigt hat.

Wertschätzung: Machtposition stärken, Wertschätzung einfordern und Entlohnung verbessern

Wir alle müssen allen Pflegeberufen mehr Wertschätzung entgegenbringen. Pflegekräften müssen Ihren Beruf so ausführen können, wie sie sich das wünschen. Nicht als betriebswirtschaftlicher Kostenfaktor, sondern als Mensch, der Verantwortung für andere Menschen übernimmt. Wir dürfen ihre hohe Eigenmotivation nicht länger zu unserem Vorteil ausnutzen. Wir müssen

  • die Arbeitsbedingungen so gestalten, dass sich Freiräume öffnen,
  • Arbeit zu ungünstigen Zeiten finanziell extra honorieren,
  • die hohe Arbeitsbelastung im Schichtdienst entzerren und
  • die Vorstellungen der Pflegekräfte, wie ihre Tätigkeit ausgestaltet werden muss, berücksichtigen.

So müssen wir insbesondere dafür sorgen, die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass Beruf und Familie besser vereinbar sind, Spätschichten und Wochenenddienste lassen keinen Platz für ein erfülltes Familienleben. Ebenso ist es nicht möglich, mit Kolleg*innen gemeinsam Freizeit zu verbringen. Unterschiedliche Schichtplanungen verhindern das. Das Sozialleben oder Teamgefühl leiden unter diesen Umständen.

Für die zuvor genannten Veränderungen bedarf es nicht zuletzt einer starken Position durch starke Interessenvertretungen, die an allen Entscheidungen beteiligt werden müssen. Hier gibt es enormen Aufholbedarf.

Derzeit ist nur jede zehnte Pflegekraft in einer Gewerkschaft organisiert. Dies kann damit zusammenhängen, dass es keine eigene Gewerkschaft speziell für die Pflege gibt. Eine eigene Gewerkschaft, die sich ausschließlich um die Belange von Pflegekräften kümmert, gibt es nicht. Dementsprechend ist der Vertretungsanspruch eher als schwach einzuschätzen, die Intensität der Interessenvertretung kann durch eine zu breite Aufstellung leiden.

Bisherige alternative Ansätze wie Pflegekammern genossen zudem einen schlechten Ruf unter den Pflegenden. Sie waren als Bürokratiemonster verschrien und mit unpassenden Kompetenzen ausgestattet. Wir müssen einen neuen Versuch starten, eine starke Interessenvertretung aufzubauen. Denn nur gemeinsam können die Pflegekräfte etwas erreichen und ihre Interessen auch durchsetzen.

Neben der unabdingbaren Verbesserung der Arbeitsbedingungen ist auch das Thema der angemessenen Bezahlung von enormer Dringlichkeit. Wir müssen insbesondere der eklatanten Ungleichbehandlung der stationär und ambulant Tätigen ein Ende setzen. Die Durchschnittsgehälter liegen derzeit in der Krankenpflege bei 3240 €, in der Altenpflege bei 2621 €. Nur 34% der Pflegekräfte sind mit ihrem Gehalt zufrieden. Stationär Tätige erhalten im Durchschnitt 3463 €, ambulant Tätige hingegen nur 2546 €.

Es ist unabdingbar, die Bezahlung in allen Bereichen aneinander anzugleichen und zu erhöhen. Anderenfalls ist zu befürchten, dass insbesondere das System der ambulanten Pflege zusammenbrechen wird. Wir müssen schnellstmöglich einen erneuten Versuch starten, einen verbindlichen Flächentarifvertrag durchzusetzen, der angemessene Mindeststandards definiert. Zumindest den Mindestlohn im Pflegebereich müssen wir erhöhen.

Doch Geld löst nicht alle Probleme. Neben einer besseren Bezahlung brauchen wir in allen Bereichen zusätzliches Personal. Doppelte Löhne führen nicht dazu, dass eine Pflegekraft plötzlich für zwei arbeiten kann. Die Belastungsgrenzen sind bereits jetzt überschritten. Daher müssen wir die bereits angesprochenen Mindeststandards für Personal in der Pflege sinnvoll und unter Mitgestaltung der Betroffenen gestalten . Eine Verordnung von oben fern von der Praxis ist nicht zielführend.

Nur wenn wir alle diese Themen angemessen ausgestalten, entscheiden sich künftig mehr Menschen für das Berufsbild Pflege. Nur auf diesem Wege können wir den Pflegenotstand beenden. Wir haben schon zu viel Zeit verloren. Umso dringlicher müssen wir jetzt damit beginnen!