Landwirt­schaft
neu denken

Warum wir alle eine neue Landwirtschaft brauchen

Wir müssen die Landwirtschaft anders denken. Das zeigen nicht zuletzt die Proteste seitens der Landwirtschaft. Fehlentwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte haben die Landwirtschaft in einen ungewollten Konflikt zwischen wirtschaftlichen und berechtigten gesellschaftlichen Interessen gestürzt.

Fehlentwicklungen: ein politisches Problem?

Die Ursachen dieses Konfliktes finden sich insbesondere in zentralen politischen Leitlinien und Fördermaßnahmen, die die Landwirtschaft dazu zwingen, a.) immer mehr zu immer niedrigeren Preisen anzubieten und b.) immer größere Betriebe zu bilden, um auf dem Weltmarkt zu bestehen.

Beständiges Angebot zu niedrigen Preisen

Der deutsche Einzelhandel geht von der Annahme aus, dass immer und überall ein reichliches und vollumfängliches Angebot aller Lebensmittel zu möglichst geringen Preisen verfügbar sein muss. Steht einzig der Preis im Mittelpunkt, wird dieser vom Wert der Waren entkoppelt. Bei den Erzeugenden führt diese reine Preisorientierung zu einem enormen Kostendruck und fördert den Einsatz von Massenproduktion. Das führt gleichzeitig zu einem steigenden Angebot. Da fallende Preise bei Lebensmitteln allerdings nicht zu einem höheren Verbrauch führen, ist dieses unverkäufliche Mehr an Angebot nicht zielführend. Es erhöht den Preisdruck nur weiter. Da die Landwirtschaft von der Abnahme ihrer Erzeugnisse abhängig ist, entsteht ein Machtungleichgewicht gegenüber dem Handel, der diese Fehlentwicklungen weiter verstärkt. Stellvertretend für den Preisverfall ist die Entwicklung bei Putenfleisch und Eiern zu nennen:

  • der Preis für Putenfleisch lag 1981 bei 10 €/kg und ist bis 2013 auf 7,36 €/kg gefallen;
  • der Preis für Eier hat sich im Zeitraum von 1975 bis 2014 fast halbiert.

Großbetriebe

Niedrige Preise erfordern immer niedrigere Kosten. Die Kosten können am einfachsten gesenkt werden, indem die produzierte Menge pro Hektar und Stall durch Monokulturen und Massentierhaltung erhöht wird. Monokulturen gehen aber zu Lasten der Artenvielfalt und Massentierhaltung in Mastbetrieben zu Lasten der Umwelt und des Tierwohls. Tiere werden so zu reinen Rohstofflieferanten reduziert. Diese Fehlentwicklungen sind vielfach dokumentiert:

  • es existieren Mastanlagen mit bis zu 200.000 Tieren im Landkreis Gifhorn („Tierfabriken“);
  • bei 62 Überprüfungen von Mitte November 2018 bis Ende März 2020 wiesen 58 Betriebe Auffälligkeiten in Bezug auf tierrechtliche Vorgaben auf [DPA];
  • bei unangekündigten Kontrollen in niedersächsischen Schlachtbetrieben fanden Behörden bei fast jedem Unternehmen Mängel im Bereich Tierschutz und Hygiene [DPA];
  • Kontrollen in Betrieben finden derzeit im Mittel allerdings nur alle 13 Jahre statt.

Es entstehen immer größere Betriebe, kleinere Höfe sterben allmählich aus. Familiär geführte Unternehmen haben gegenüber Großbetrieben keine Chance. Die dörfliche Entwicklung wird verzerrt, bäuerliche Existenzen werden verdrängt. Investoren sorgen mit Bieterkämpfen um Land und Boden zu steigenden Bodenpreisen und verhindern so die Entstehung neuer kleiner Betriebe. Die Zahlen für die letzten Jahrzehnte zeichnen ein klares Bild:

  • gab es bundesweit 1970 noch 1 Million Höfe, sind es aktuell noch 300.000;
  • die Zahl der Arbeitsplätze in der ostdeutschen Landwirtschaft ist von 923.000 im Jahr 1989 auf derzeit 146.000 zurückgegangen;
  • allein in Niedersachsen sind von den 1970 bestehenden 160.000 Betrieben nur noch 35.000 übrig;
  • jedes Jahr geben etwa 2% der Betriebe auf;
  • 50% der landwirtschaftlichen Nutzfläche gehört nicht den Landwirt*innen.

EU-Förderpolitik

Die EU-Agrarpolitik bevorzugt und fördert die Entstehung von Großbetrieben. Dabei werden Qualität, Gesellschaftsleistungen, Tierschutz, Klimaschutz, Umweltschutz nicht berücksichtigt. Quantität geht vor Qualität. Wir sehen hier falsch gestaltete Anreize. Auch dieser Zusammenhang ist messbar:

  • die niedersächsische Landwirtschaft wird aktuell mit über 800 Millionen Euro gefördert (hauptsächlich EU-Mittel); dies entspricht 43% der Einkommen der Betriebe;
  • etwa 750 Millionen Euro werden als Direktzahlung pro Hektar ausgezahlt.

Weltmarkt

Das System der Massenproduktion, das durch Preisorientierung und falsche Fördermaßnahmen erzwungen wird, erzeugt Waren über den heimischen Bedarf hinaus. Diese Überproduktion muss daher auf dem Weltmarkt zu dessen Bedingungen abgesetzt werden. Da diese Produkte durch Fördergelder sehr günstig angeboten werden können, überschwemmen sie den Markt und verdrängen andere Angebote (z.B.: Tomaten). Am Beispiel der Fleischexporte ist die Entwicklung gut verfolgbar:

  • die höchsten Exporterlöse im Agrarhandel erzielen Fleisch und Fleischerzeugnisse mit 9,8 Milliarden Euro;
  • seit 2007 übersteigen die Fleischexporte die Importe;
  • die Hälfte des Fleisches inländischer Schlachtung geht in den Export.

Wege in eine neue Art der Landwirtschaft

Internationale Handelsabkommen überprüfen

Wir müssen sicherstellen, dass global gehandelte Produkte dieselben Vorgaben erfüllen, die bei lokaler Produktion vorgeschrieben sind. Importe dürfen den Preisdruck nicht erhöhen oder Standards unterlaufen.

Wertschätzung einfordern

Die aktuellen Niedrigstpreise für Lebensmittel erwecken den Eindruck, dass sie einen geringen Wert besitzen. Da die Versorgung mit diesen Erzeugnissen unser aller Lebensgrundlage darstellt und Lebensmittel somit unser wichtigstes Produkt sind, ist das nicht angemessen. Es müssen mindestens die Kosten der Herstellung gedeckt werden.

Pflanzliche Alternativen fördern

Pflanzliche Lebensmittel müssen günstiger sein als Produkte, die die Existenz oder den Tod eines Tieres voraussetzen. Zudem müssen wir einen spürbareren Rückgang beim Konsum tierischer Erzeugnisse erreichen. Die steuerliche Bevorteilung insbesondere bei der Mehrwertsteuer tierischer Produkte verhindert dies.


Um das angestrebte Ziel einer neuen und besseren Landwirtschaft zu erreichen, müssen wir viele Themen neu denken.


Artgerechte Tierhaltung ermöglichen

Tiere müssen endlich als denkende und fühlende Individuen wahrgenommen werden. Ihre Bedürfnisse an ein gutes Leben müssen erfüllt und ihre Fähigkeiten gefördert werden. Letztlich müssen auch die Verbraucher*innen die dafür notwendigen Mehraufwendungen decken. Diese Mittel dürfen dann aber ausschließlich und gezielt an solche Betriebe ausgeschüttet werden, die Bedingungen an eine artgerechte Haltung nachweislich erfüllen.

Lebensmittelkennzeichnung klar und verständlich

Im Moment des Kaufes eines landwirtschaftlichen Produktes muss klar erkennbar sein, wo und wie es entstanden ist. Bei tierischen Produkten muss insbesondere ersichtlich sein, wie die Tiere gehalten werden. Ebenso wichtig ist die Kennzeichnung regionaler Erzeugnisse.

Lebensgrundlagen schützen

Das Thema Nachhaltigkeit muss bei jedweder landwirtschaftlichen Produktion in den Vordergrund rücken. Unser aller Lebensgrundlagen wie Artenvielfalt, gesunde Böden und sauberes Wasser, müssen geschützt und erhalten bleiben.

Bedarfsgerecht und regional

Statt Großbetriebe zu fördern, die immer mehr über den lokalen Bedarf hinaus produzieren, müssen wir auch kleine Höfe mit regionaler Orientierung unterstützen und stärken. Bedarfsgerechte regionale Produktion verhindert Fehlentwicklungen wie Massentierhaltung, reduziert Transportwege und stärkt die Bindung von Konsumierenden und Erzeugenden.

Zukunftsvertrag für die Landwirtschaft

Als Ergebnis dieser Neubewertungen schließen wir einen Zukunftsvertrag mit der Landwirtschaft. Ein solcher Vertrag ist in allseitigem Interesse und kann daher nur partnerschaftlich zwischen Politik, Gesellschaft und Landwirtschaft ausgehandelt werden. Er muss einige zentrale Bestandteile und gemeinsame Standards umfassen.

  • Planungssicherheit: Wir müssen sicherstellen, dass vereinbarte Mengen zu vereinbarten und mindestens kostendeckenden Preisen abgenommen werden. Die Vormachtstellung des Handels muss durchbrochen werden.
  • Faire Einkommen: Tätige in der Landwirtschaft müssen von ihrer Arbeit leben können. Tatsächlich liegen die durchschnittlichen Einkommen trotz 7-Tage-Woche aktuell unterhalb derer abhängig Beschäftigter.
  • Schutz der Lebensgrundlagen: Schutz der Lebensgrundlagen: Tätige in der Landwirtschaft müssen finanziell und organisatorisch in die Lage versetzt werden, gesellschaftliche Ziele wie Tier- und Klimaschutz erfüllen zu können.
  • Regionale Erzeugung: Die regionale Erzeugung von Lebensmitteln führt zu Vertrauen der Konsumierenden gegenüber den Erzeugenden. Durch die regionale Bindung kann zudem gezielt auf die Wüsche der Konsumenten eingegangen werden. Die Kenntnis der Erzeugungsbedingungen und Arbeitsweisen vor Ort erhöht die Bereitschaft zur Zahlung angemessener Preise.
  • Direktvermarktung: Regionale Erzeugung erfordert eine regionale Versorgung. Durch Erzeugerzusammenschlüsse wird die Verhandlungsposition der Erzeuger gestärkt.

Unser gemeinsames Ziel muss die ökologische Erzeugung qualitativ hochwertiger Produkte unter Einhaltung umweltschonender und tierschutzgerechter Produktionsmethoden sein. Wir alle müssen verstehen, dass unsere gemeinsamen Interessen wie Regionalität, Qualität, artgerechte Haltung, Umwelt, Klima und Erhalt der Artenvielfalt mit höheren Preisen zusammenhängen.