Wirtschaft aus der Sackgasse in den Kreis­verkehr führen

Warum Wachstum unser Problem ist

Unser aktuelles Wirtschaftssystem basiert allein auf dem Gedanken beständigen Wachstums. Das führt zu einer Vielzahl von Problemen.

Werden Dinge des täglichen Bedarfs beschädigt, werfen wir diese im Gegensatz zu früheren Zeiten heute ohne große Bedenken weg und ersetzen sie durch neue Dinge. Das tun wir, da viele Produkte günstiger zu ersetzen als zu reparieren sind oder teilweise gar nicht mehr repariert werden können.

Die Weltbevölkerung wächst derzeit immer weiter und immer mehr Menschen nehmen an dieser Art zu leben teil. Da dadurch immer mehr Ressourcen verbraucht werden, wird dies unweigerlich dazu führen, dass deren Quellen erschöpfen. Gut beobachten lassen sich diese Probleme in der Textilindustrie:

  • 1,3 Milliarden Tonnen Kleidung werden jedes Jahr entsorgt.
  • In Deutschland lebende Personen kaufen im Schnitt 60 Kleidungsstücke im Jahr.
  • 100 Milliarden Kleidungsstücke wurden 2015 hergestellt

Wie es dazu kommen konnte

Früher haben wir beschädigte Dinge viel häufiger repariert und dann weitergenutzt, als wir das heute tun. Das ist allerdings auch vielerorts nicht mehr möglich, da entsprechende Dienstleister schlicht nicht mehr existieren. Gab es früher an jeder Ecke beispielsweise Schneidereien und Schustereien, sind diese mittlerweile kaum noch zu finden.

Wir können Produkte weder weiter nutzen noch können wir eingesetzte Ressourcen erneut verwenden. So enden wertvolle Rohstoffe auf Deponien oder in Müllverbrennungsanlagen.

Die gemeinsame Ursache für diese Entwicklungen ist es, Wachstum als wesentliches Ziel aller wirtschaftlicher Aktivitäten zu erheben. Ein einfacher Weg zu diesem Ziel besteht darin, immer mehr neue Dinge herzustellen und an die Verbrauchenden zu bringen. Die Produzierenden sind dazu gezwungen, Produkte absichtlich so zu gestalten, dass sie ihren Lebenszyklus möglichst schnell abschließen. Sie erreichen das, indem sie

  • beständige kleine Innovationen umsetzen, die zu neuen Varianten führen,
  • Produkte so gestalten, dass sie nicht oder nur unter großem Aufwand reparierbar sind,
  • Preise so gestalten, dass es günstiger ist, ein neues Produkt zu erwerben, als ein defektes zu reparieren.

All dies sind zudem Gründe für das bereits beschriebene Aussterben kleinerer Handwerksbetriebe. All dies ist möglich, da nicht alle Kosten sichtbar sind, die unsere Art zu wirtschaften verursachen. Unsere Kennzahlen für wirtschaftlichen Erfolg beziehen nur Rohstoff-, Energie- und Arbeitskosten ein. Zerstörte Natur, verschleppte Böden, Nitrit und Nitrat im Grundwasser, Methanausscheidungen von Nutztieren und viele andere Aspekte berücksichtigen sie nicht. Ein paar Beispiele, die diese Entwicklung gut illustrieren:

  • das Ernährungssystem erzeugt 10 Billionen Euro Umsatz, aber 12 Billionen Euro Gesundheitskosten (durch Fehlernährung etc.),
  • wenn ein Öltanker verunglückt, steigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP), da Firmen mit der Beseitigung der Schäden Umsätze und somit ökonomisches Wachstum erzeugen. Die Schäden selbst fließen in keine Bilanz ein,
  • Subventionen an die Landwirtschaft werden im BIP nicht sichtbar.

Wie wir diesen Pfad verlassen können

Wir müssen verstehen und akzeptieren, dass Wachstum nicht überall erstrebenswert ist und uns nicht zwangsläufig zufriedener macht. Ab einem gewissen Punkt beobachten wir nur noch eine Seitwärtsbewegung (Easterlin-Paradox). Statt uns auf die Produktion von Waren zu konzentrieren, müssen wir andere Kriterien wie Lebensqualität heranziehen. Wachstum durch immer weiter steigenden Einsatz von Ressourcen kann in einer endlichen Umwelt zudem nicht funktionieren.

Aufbereiten statt Ersetzen

Statt Wachstum und Konsum als Ziel unseres wirtschaftlichen Handelns zu betrachten, müssen wir unsere Aktivitäten auf Dienstleistungen verlagern, die vorhandene Waren aufbereiten. Zudem müssen wir dazu kommen, vor allem Lebensmittel wieder in stärkerem Maße selbstständig herzustellen. Dieses Ziel können wir durch Nutzung eigener und gemeinschaftlich genutzter Gärten und Flächen oder mit Modellen solidarischer Landwirtschaft erreichen. Zudem müssen wir das Angebot an Dienstleistungsbetrieben verbessern, um beschädigte Waren weiter nutzen zu können.

Wohlfahrt statt Produktion

Wir bewerten unsere Wirtschaft aktuell danach, wie viele Dienstleistungen und Waren sie erzeugt. Wir müssen in Zukunft auch andere Aspekte berücksichtigen und einen Nationalen Wohlfahrtsindex entwickeln, der u.a.

  • Einkommensverteilung,
  • Gesundheitskosten,
  • Ressourcenverbrauch,
  • Kosten für Umweltschäden,
  • Bildung und weitere Kriterien berücksichtigt.

Unsere zentrale Entscheidungsgröße darf nicht länger eine rein quantitative Messgröße sein. Wir müssen uns mehr auf qualitative Aspekte stützen.

Um zu erkennen, dass Menschen im All leben können, musste ich ein halbes Jahr hier oben verbringen. Um zu erkennen, wie schön die Erde ist, brauchte ich eine Minute. Um zu erkennen, wie zerbrechlich unser kleiner blauer Planet ist, brauchte ich nur einen Augenblick.

Alexander Gerst, Astronaut

Produkte besser gestalten

Da wir auch weiterhin Produkte herstellen werden, müssen wir dafür sorgen, sie so zu gestalten, dass sie unseren Zielen entsprechen. 

  • Unsere Produkte müssen sich reparieren lassen. Wir dürfen nicht länger gezwungen sein, sie als Ganzes wegzuwerfen, wenn ein Teil nicht mehr funktioniert.
  • Unsere Produkte müssen recycelbar sein. Wir müssen sicherstellen, dass sich am Ende seines Lebenszyklus alle Bestandteile eines Produktes in einen Kreislauf zurückführen lassen, damit wir alle verwendeten Rohstoffe erneut einsetzen können.
  • Wenn wir diese Anforderungen umsetzen, ist es im Idealfall nicht mehr notwendig, neue Ressourcen abzubauen, um neue Produkte herzustellen.
  • Stellen wir Produkte her, dürfen wir dafür nur erneuerbare Energien einsetzen.

Wirtschaft zum Kreislaufsystem verbessern

Wir müssen die Aspekte Recycling und Erneuerbare Energien zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft zusammenfassen. Wir dürfen keine neuen Ressourcen ausbeuten und zuführen. Dieser Ansatz ist auch als Crade-to-cradle (Ursprung zu Ursprung) bekannt. Wir erreichen das, indem wir den Anbau eigener Lebensmittel, die Reparatur von Waren, Nachbarschaftshilfe, Solidarität und Tausch sozialer Leistungen als alternative wirtschaftliche Modelle etablieren und fördern. Dafür müssen wir ökologische und soziale Aspekte wie Abfallvermeidung, Ressourcenschonung, Energiesparmaßnahmen, familienfreundliche Arbeitszeiten und sichere Arbeitsverträge mehr und besser berücksichtigen. Dass das möglich ist, zeigen viele Unternehmen, die sich diesen Zielen jetzt schon verschrieben haben. Als Beispiele seien genannt:

  • Patagonia als alternatives Unternehmen in der Textilbranche verzichtet durch langlebige Produkte, die repariert werden können und umwelt- und ressourcenschonend hergestellt werden, auf Wachstum. Mitarbeitende Personen dürfen zudem zwei Monte Auszeit für Umweltprojekte nehmen.
  • Richard Henkel GmbH: durch Energiesparmaßnahmen werden 70% des CO2 eingespart, was sich auch wirtschaftlich amortisiert

Fangen wir JETZT an!

Dieses Ziel können wir gut mit der Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft vergleichen, die den Wachstumsgedanken um soziale Standards erweitert hat. Nun ist es an uns, dieses erreichte um die Berücksichtigung ökologischer und nachhaltiger Aspekte zu ergänzen. Wir müssen allerdings sofort damit beginnen und schnell vorangehen. Nur so können wir unsere Umwelt vor dem bevorstehenden Kollaps retten. Fangen wir jetzt gemeinsam damit an.