Artensterben stoppen.
Wissenschaft stärken.
Überleben sichern.

Sechstes Massensterben

Die Erdgeschichte kannte bisher fünf große Ereignisse, die dazu geführt haben, dass eine Vielzahl von Arten ausstarben. Das letzte derartige Ereignis war ein Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren auf der Erde, der dazu führte, dass die Dinosaurier von der Erde verschwanden. Das Neue am sechsten Massensterben ist der Mensch als Ursache.

Aussterberate erhöht

Auch im natürlichen Umfeld sterben Arten aus. Im Vergleich mit der natürlichen Rate ist diese wissenschaftlichen Schätzungen nach aktuell um den Faktor 1000 erhöht. Betrachten wir einen beliebigen Zeitraum, sterben derzeit 1000mal so viele Arten unwiederbringlich aus, als dies ohne menschlichen Einfluss der Fall wäre. Diese Arten sind verloren und bleiben verloren. Der Verlust einer Art erfolgt wesentlich schneller als das Entstehen einer neuen, die sie ersetzen könnte. Faktisch stirbt aktuell jede Stunde eine Art aus, eine Million Tier- und Pflanzenarten sind bedroht.

Lebensräume bedroht und zerstört

Die Lebensräume viele Arten sind mittlerweile so bedroht und vielerorts zerstört, dass Artenschutzprogramme ins Leere laufen und keine Wirkung mehr zeigen können. Dies zeigt sich insbesondere darin, dass mindestens 75% der bewohnbaren Erdoberfläche durch Aktivitäten von uns Menschen im Vergleich zu ihrem natürlichen Zustand stark verändert sind.

Artenschutzprogramme

Werden Artenschutzprogramme gestartet, profitieren davon meist nur (nationale) Aushängeschilder. Dies sind zumeist Arten, die weithin bekannt und beliebt sind. Ein Beispiel für eine solche Art ist der chinesische Pandabär. Dessen Aufzucht wird zwar massiv gefördert, die Auswilderung dieser Art ist allerdings nicht mehr möglich, da die natürlichen Lebensräume bereits nicht mehr existieren. Für weniger prestigeträchtige Arten wie beispielsweise den Riesensalamander wird erheblich weniger getan.

Artenbedeutung als Grundlage für Artenschutz?

Es ist meist nicht ersichtlich, welche Funktion welche Art in einem Ökosystem erfüllt. Werden vermeintlich unnütze Arten aus Ökosystemen verdrängt, hat dies meist ungewollte und unerwartete negative Nebenwirkungen. Jedes Ökosystem wurde über lange Zeiträume durch Anpassung mit sich selbst abgestimmt. Jede Art, die aktuell darin existiert, trägt dazu bei, dass das System funktioniert. So ist es zwar möglich, dass einzelne Funktionen von anderen Arten übernommen werden können oder sich Gleichgewichte verschieben. Werden allerdings wichtige oder zu viele Bestandteile entfernt, wird das Gesamtsystem irgendwann nicht mehr funktionieren. Für Außenstehende ist nicht ersichtlich, wann genau das geschehen wird.

Schlüsselarten identifizieren

Bei einigen Arten ist auf einen Blick erkennbar, dass sie wesentlich zu einem Ökosystem beitragen. Diese Arten werden als Schlüsselarten bezeichnet und sind besonders schutzwürdig. Beispiele für solche Arten sind Insekten als Bestäuber von Pflanzen, Vögel als natürliche Schädlingsbekämpfer in Obstplantagen und Haie als Regulierer in Korallenriffen.

Insekten

Bienen werden aktuell etwa als Leiharbeiterinnen auf den 300.000 Hektar Mandelfeldern in Kalifornien eingesetzt. Pro Hektar sind drei Bienenvölker für die Bestäubung notwendig. Pro Volk fallen Kosten in Höhe von 170 Dollar an. Die Leistung aller Bestäuber wird mit insgesamt 153 Milliarden Dollar bewertet. Ihr Verschwinden hätte unvorhersehbare ökologische und ökonomische Folgen.

Vögel

Vögel halten beispielsweise Obstplantagen von Schädlingen frei, die resistent gegen Pestizide sind. Im China der 50er Jahre wurde der Spatz auf Anordnung Maos ausgerottet (innerhalb weniger Tage wurden etwa 2 Milliarden Tiere getötet), da diese angeblich Saatgut und Ernte in großen Mengen gestohlen hätten. Spatzen ernähren sich allerdings hauptsächlich von Insekten. In Folge der Ausrottung kam es zu einer Heuschreckenplage durch die die Ernte des Folgejahres vernichtet wurde und geschätzten 45 Millionen Menschen das Leben kostete.

Haie

Riffhaie sorgen für den Erhalt eines sensiblen Gleichgewichts zwischen den Arten in Korallenriffen. Sie befördern Nährstoffe aus dem Tiefenwasser herauf, was wiederum Fische anlockt. Zudem jagen sie beispielsweise den Barrakuda, der sich ansonsten ungebremst vermehren würde. Er würde seinerseits verstärkt Papageienfische jagen, die die Korallen von Algen befreien. Kommen sie dieser Aufgabe nicht mehr nach, ersticken die Korallen unter den Algen und das Riff stirbt ab. Dies hätte nicht nur den Tod des gesamten Ökosystems zur Folge, auch der natürliche Küstenschutz für mehr als 300 Millionen Menschen wäre verschwunden. Wird der Hai geschützt, wird das gesamte Ökosystem geschützt.

Die Rolle der Landwirtschaft

Die Landwirtschaft greift direkt aktiv in bestehende Ökosysteme ein und verändert diese. Bereits Landwirtschaft an sich verdrängt bestehende Ökosysteme und ersetzt diese meist durch Monokulturen, die durch den Einsatz von Düngern, Insektiziden (gegen Tiere) und Herbiziden (gegen Pflanzen) möglichst viel aus den Flächen als Ernte herausholen will. Diese Mittel wirken allerdings auch in die umgebende Umwelt ein und haben dort teils negative Einflüsse.

  • Dünger können auf benachbarte Flächen gelangen und auf nährstoffarme Böden spezialisierte Pflanzenarten verdrängen,
  • Herbizide können Nahrung für wichtige Tierarten vernichten,
  • Insektizide können Tierarten ausrotten, die als Schlüsselarten für das Funktionieren von Ökosystemen elementar wichtig sind.

Bäuerliche Strukturen erhalten – Flächenfraß stoppen

Jeden Tag gehen in Deutschland ca. 56 Hektar landwirtschaftliche Fläche verloren. Das entspricht knapp 80 Fußballfeldern. Die Bundesregierung hat sich verpflichtet den Flächenverbrauch in Deutschland bis zum Jahr 2030 auf 30 Hektar und bis 2050 auf null zu reduzieren. Aber davon sind wir noch weit entfernt. [1]

Bei neuer Straßenverkehrsinfrastruktur sowie Siedlungs- und Industriegebieten muss mehr auf den Naturschutz geachtet werden. Das werden wir bei Bundesinfrastrukturprojekten umsetzen und zugleich Landes- und Kommunalverwaltungen dabei unterstützen, nicht mehr benötigte versiegelte Flächen der Natur zurückzugeben, im Innenbereich zu verdichten sowie Verfall und Leerstand in den Ortskernen vorzubeugen. Mit einem Wildnisfonds wollen wir zudem dafür sorgen, dass sich auf mindestens 2 Prozent der Landesfläche wieder echte Wildnis entwickeln kann! [2]

Erkenntnisse der Wissenschaften vor Bauchgefühl

Wir müssen wissenschaftlichen Erkenntnissen vor Glauben oder Bauchgefühl immer den Vorzug geben. Nur anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse ist erkennbar, wie Ökosysteme funktionieren und wie sich die darin enthaltenen Tiere, Pflanzen, Umwelt und der Mensch gegenseitig beeinflussen. Welche Arten wir besonders schützen müssen, können wir nur auf Grundlage dieser  Erkenntnisse entscheiden. Wissen wir nichts oder zu wenig, gilt der Grundsatz: jede Art ist eine Schlüsselart und ist schützenswert. Wissenschaftliche Erkenntnisse liefern zudem Informationen darüber, wie sich menschliche Aktivitäten auf die Umwelt auswirken. Wir müssen solche Erkenntnisse zur Grundlage unseres Handelns machen, auch wenn sich dadurch erheblicher Anpassungsbedarf in unserer Art zu produzieren und zu leben ergibt.

[1] https://www.gruene-bundestag.de/termine/baeuerliche-strukturen-erhalten-flaechenfrass-stoppen
[2] https://cms.gruene.de/uploads/documents/2021_Wahlprogrammentwurf.pdf