Wie wir auf dem Arbeitsmarkt der Zukunft bestehen.

Anschluss bei Zukunftstechnologien nicht verlieren

Die Arbeitswelt befindet sich global im Umbruch. Wir sehen Klimawandel und Digitalisierung als die zentralen Herausforderungen, denen sich auch Deutschland stellen muss. Doch leider drohen wir den Anschluss an Vorreiter wie die USA und China zu verlieren. Um das zu verhindern, müssen wir viele Änderungen jetzt anstoßen. Die beiden Herausforderungen Klimawandel und Digitalisierung wirken besonders auf einen unserer wichtigsten Wirtschaftsakteure – die Automobilindustrie – die im Folgenden stellvertretend für andere Branchen betrachtet werden soll. Wir beginnen bereits damit, Mobilität neu zu denken. Wir müssen uns, die Gesellschaft, den Staat und die Unternehmen darauf ausrichten, sich an diese neuen Voraussetzungen anzupassen und sie aktiv zu gestalten.

Wenn wir zu lange warten, droht der Automobilindustrie ein ähnliches Schicksal wie einstmals Nokia. Das Unternehmen konnte beim Sprung der mobilen Telefonie vom Nischen- zum Massenmarkt mit den richtigen Produkten zur richtigen Zeit gewaltige Marktanteile erobern. Den nachfolgenden Technologiewandel vom Telefon zum Smartphone hat das Unternehmen aber zu lang nicht wahrgenommen und letztendlich verschlafen. Die Produkte waren nicht mehr gefragt, der Umsatz ging zurück. Die Handysparte musste verkauft werden, das Kerngeschäft auf Netzwerke und verwandte Technologien verlegt werden. Vom einstigen Glanz ist nichts mehr übrig.

Schauen wir uns im Folgenden konkrete Potenziale und Problemfelder an, bevor wir konkrete Vorschläge ableiten, um uns vor diesem Schicksal zu bewahren.

Vorreiterrolle beim Klimaschutz

Grundsätzlich sehen wir bei den EU-Staaten alle Voraussetzungen, um eine Vorreiterrolle gerade beim Klimaschutz einzunehmen. Wir haben eine leistungsstarke Industrie, das Thema Klimaschutz ist in den Köpfen von Unternehmen, Politik und Gesellschaft angekommen. Mit viel Knowhow werden innovative Ideen angegangen und umgesetzt.

Trotzdem kommt die Bundesregierung viel zu langsam dabei voran, die gesetzlichen Grundlagen für den Klimaschutz zu legen. In Sonntagsreden und im Wahlkampf nehmen die Ziele des Pariser Klimaabkommens viel Raum ein. Absichtserklärungen und Selbstverpflichtungen ersetzen aktives und zielgerichtetes Handeln. Klare gesetzliche Vorgaben sind keine Gängelung der Wirtschaft, sondern bilden eine verlässliche Grundlage auf dem Weg in eine lebenswerte Zukunft.

Vorsprung USA und China bei der Digitalisierung

Haben wir beim Thema Klimaschutz noch das Potenzial zum Leuchtturm, sind im Bereich Digitalisierung die beiden Vorreiter USA und China weit an uns vorbeigezogen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Wir dürfen uns und unsere Unternehmen nicht länger nur als Produzenten von Produkten sehen. Wir denken zu sehr an Waren und nicht an digitale Dienstleistungen. Gerade der Bildungsbereich wird hier seiner Aufgabe nicht gerecht. Digitale Komponenten und Kompetenzen finden und fanden zu geringen Eingang. Auch der Staat und seine Institutionen müssen einen gewaltigen Schritt aufholen.

Mobilitätswende nicht zu Ende gedacht

Für viele von uns ist der Klimawandel ins Bewusstsein gerückt und wir haben erkannt, dass dieses Thema unsere zentrale Herausforderung der Gegenwart ist. Wir wissen, dass unter anderem der Individualverkehr ein Bereich ist in dem wir handeln müssen. Die Mobilitätswende hin zu klimagerechter Fortbewegung ist in vollem Gange.

Die Mobilitätswende hat die E-Mobilität zur zentralen Technologie der Zukunft gemacht. Doch leider ist hier noch nicht alles zu Ende gedacht. Es genügt nicht, nur entsprechende Fahrzeuge auf die Straßen zu bringen, wir müssen auch angrenzende Strukturen aufbauen und anpassen. Insbesondere die Versorgung mit Antriebsenergie wird nicht entschieden genug vorangetrieben. Damit E-Mobilität unsere Anstrengungen hinsichtlich des Klimawandels unterstützt, muss die Stromerzeugung klimaneutral erfolgen. Aktuell stammt ein bedeutender Anteil unseres Stroms aber aus Kohlekraftwerken. Das führt die Technologie ad absurdum. Statt fossile Brennstoffe in den Motoren zu verbrennen, verlagern wir den schmutzigen Anteil der Mobilität in Kraftwerke. Zusätzliche Wirkungsgradverluste durch den Umweg über Strom verstärken diesen Effekt. So befinden sich mit sieben von zehn Kohlekraftwerken die größten CO2-Emittenten aktuell in Deutschland.

Doch wir treiben nicht nur die Energiewende selbst nicht entschieden genug voran, auch die Infrastruktur zur Versorgung der Fahrzeuge mit elektrischer Energie fehlt. So finden wir in den Niederlanden bis zu 20 Ladestationen pro 100 km, in Deutschland aber nur drei. Ohne ein dichtes Netz ist elektrische Mobilität zu unattraktiv. Die Gefahr, mit dem Fahrzeug liegen zu bleiben, wird viele Menschen weiterhin zur Anschaffung eines Fahrzeugs mit fossilem Verbrenner motivieren. So werden wir den Schwung, den das Thema mittlerweile aufgenommen hat, nicht nutzen können.

Jetzt die Weichen zu den Arbeitsmärkten der Zukunft stellen

Wir müssen die Weichen stellen, um auf den bedeutenden Arbeitsmärkten der Zukunft bestehen zu können. Es gibt viele Handlungsfelder, die wir einbeziehen müssen. Insbesondere unser Bildungssystem bedarf einer Neuausrichtung, wir müssen die Digitalisierung konkret voranbringen, unsere Mobilitätsindustrie modernisieren und Umwelttechnologien gezielt fördern. Schauen wir uns diese Themen genauer an.

Bildungsgerechtigkeit durchsetzen

Die wichtigste Grundlage und Voraussetzung dafür, den Anschluss an die Themen der Zukunft nicht zu verlieren kann nur und muss die Bildung der Menschen sein. Aber insbesondere bei der Bildungsgerechtigkeit haben wir in Deutschland erheblichen Nachholbedarf. Der Bildungsweg, den ein Kind einschlägt, ist noch immer stark vom Bildungsstand der Eltern und deren Geldbeutel abhängig. Das lässt sich unter anderem daran festmachen, dass

  • von 100 Schulkindern 74 ein Studium beginnen, wenn ein Elternteil bereits einen Hochschulabschluss hat, bei Kindern von Eltern ohne einen solchen Abschluss sind es jedoch nur 21,
  • 30% der Kinder aus Nicht-Akademikerhaushalten brechen ihr Studium vorzeitig ab – meist aus finanziellen Gründen,
  • laut OECD viele Menschen in Deutschland das Gefühl haben, dass ihre persönlichen und beruflichen Chancen entscheidend vom Elternhaus abhängen und
  • wir uns auf einem Niveau mit Argentinien befinden, wenn es darum geht, wie schnell Nachkommen ärmerer Familien beim Durchschnittseinkommen anlangen können.

Wir müssen hier gezielt Förderungen schaffen, um alle Potenziale nutzen zu können. Nur mit gut ausgebildeten Menschen können wir auf dem Weg in die Zukunft bestehen. Alle müssen die gleichen Chancen erhalten, das Beste aus sich und für die Gesellschaft erreichen zu können.

Potentiale erschließen: Frauen in die Informatik

Auf Frauen wirken Berufsfelder im informatischen Bereich noch immer abschreckend. Zu stark wirkt noch immer das Bild der Männerdomäne. Wir können es uns allerdings nicht länger leisten, auf den Beitrag der Hälfte unserer Bevölkerung zu diesem Zukunftsthema zu verzichten. Die frühzeitige Einbindung echter informatischer Themen in unsere Bildungsinhalte ist Grundvoraussetzung. Das darf sich aber nicht darin erschöpfen, zu lehren, wie Internetnutzung oder Daten- und Dokumentenverwaltung am Computer funktionieren. Analytisches Denken und die Fähigkeit zur Abstraktion komplexer Problemstellungen sind der wahre Kern informatischen Denkens. Indem wir frühzeitig Berührungsängste abbauen, falsche Vorstellungen ausräumen und Interesse wecken, wird es uns gelingen, mehr junge Frauen für das interessante Berufsbild zu gewinnen.

Digitalisierung sinnvoll und zielgerichtet voranbringen

Digitalisierung darf sich nicht darin erschöpfen, alle Menschen mit einem Tablet auszustatten und darauf zu hoffen, dass ein Wunder geschieht. Wir müssen das Thema auf allen Ebenen vorantreiben:

  • Unternehmen müssen verstehen, dass die Produktion von Dingen nicht mehr das Ende der Kette ist. Wir sind sehr gut darin, Produkte herzustellen. Doch mittlerweile fordern die Konsumierenden mehr. Nachgelagerte Dienstleistungen, die das Produkt aufwerten, sind gefragt. Das erfordert ganz neue Herangehensweisen, für die sich die Unternehmen teilweise ganz neu aufstellen müssen. Automobilkonzerne gehen aktuell den Schritt hin zu Softwarekonzernen.
  • Die Gesellschaft muss digitale Themen verstärkt in die Bildung integrieren. Auch hier reicht es nicht aus, entsprechende Geräte in den Unterricht zu bringen und das Beste zu hoffen. Schulbücher auf Tablets zu bringen, löst keine unserer Herausforderungen. Wir müssen Bildungsinhalte anpassen und frühzeitig auf die Vermittlung informatischer Kenntnisse setzen.
  • Der Staat mit seinen Institutionen muss den Anschluss an digitale Zukunftstechnologien schaffen.

Nur wenn wir alle Bereiche zielgerichtet und sinnvoll weiterentwickeln sind wir für die Zukunft in einer mehr und mehr digitalisierten Welt gewappnet. Wandeln wir das Modewort Digitalisierung in einen echten Trend.

Automobilkonzerne zu Softwarekonzernen entwickeln

Die Automobilindustrie hat viele Entwicklungen der jüngeren Vergangenheit lange verschlafen. Klimawandel und damit verbundene Änderungen in den Mobilitätskonzepten der Menschen und Trends wie E-Mobilität und das Verständnis von Fahrzeugen als Servicemodul wurden lange verdrängt. Das Produkt und dessen Verkauf stand im Mittelpunkt. An diesem Punkt war für die Unternehmen klassischerweise Schluss.

Unternehmen wie Tesla haben hier bereits frühzeitig einen anderen Weg eingeschlagen. Sie produzieren zwar auch Fahrzeuge, aber eher als Mittel zum Zweck. Das Fahrzeug wird nicht zwingend kostendeckend auf den Markt gebracht und dient für das Unternehmen eher als Basis für eine Vielzahl nachgelagerter Services, mit denen am Ende das Geld verdient wird. So können sich Kunden in der durchdigitalisierten Welt ihres Fahrzeuges Abos für verschiedenste Dienste kaufen. Sie können so den Lebenszyklus ihres Fahrzeuges durch regelmäßige Aktualisierungen verlängern und den Leistungsumfang erweitern. Konsequenter Einsatz positiv besetzter E-Antriebe tun ihr weiteres, um den Nutzenden ein positives Lifestyleerlebnis zu bieten. Ein gänzlich anderer Ansatz als der des klassischen Automobilproduzenten. Aber erfolgreich und zukunftsträchtig.

Zudem haben sich Mobilitätskonzepte grundlegend verändert. Der Besitz eines eigenen Fahrzeuges wird nicht mehr als notwendig erachtet, da das Fahrzeug ohnehin fast den ganzen Tag ungenutzt herumsteht. Die Vorstellung autofreier Innenstätte gewinnt an Zuspruch. Lärm, Luftverschmutzung und Platzverschwendung für automobile Infrastruktur dringen zunehmend in das öffentliche Bewusstsein ein. Carsharing-Anbieter sind auf dem Vormarsch. All diese Trends verstärken den Druck auf klassisch aufgestellte, produktionsorientierte Automobilunternehmen. Der Absatz wird weiter zurückgehen und damit Umsatz und Gewinn. Nach langem Zögern und Zaudern beginnen die Unternehmen jetzt aber zunehmend, die Zeichen der Zeit zu erkennen. E-Mobilität ist kein laues Lüftchen mehr, das bald verweht, weniger Absatz eine realistische Zukunftsprognose. Der Wandel zu Softwarekonzernen wird vorangetrieben, wie beispielsweise erst kürzlich durch den Vorstand des VW-Konzerns bekräftigt. Das Potential dafür ist vorhanden. Software und Informatik spielt auch in klassischen Fahrzeugen eine zunehmende Rolle, sodass die Konzerne hier kein vollständiges Neuland betreten müssen.

Umwelttechnologien fördern

Wir müssen zur Erreichung unserer Klimaziele verstärkt dafür sorgen, Umwelttechnologien gezielt zu fördern. Dafür müssen wir bestehende Subventionssysteme dahingehend untersuchen, ob sie unseren Zielen dienlich sind. Wir können es uns nicht leisten, weiter falsche Technologien zu fördern. So können wir den Anschluss nicht schaffen.
Leider sind gegenläufige Trends erkennbar. Immer wieder gibt es Fälle wie die in der Solarindustrie. Hier war Deutschland federführend aufgestellt. Doch durch die Aufhebung von Schutzzöllen durch die EU und gleichzeitig wachsende Konkurrenz aus China sind mehr und mehr Hersteller in die Insolvenz geraten.

Generell ist die Anzahl der Beschäftigten im Bereich der erneuerbaren Energien nach kräftigem Wachstum in den 2000er Jahren im letzten Jahrzehnt wieder rückläufig. Das Umweltbundesamt stellt entsprechende Analysen bereit.

  • 2018 arbeiteten 304.400 Menschen im Bereich erneuerbare Energien. Das sind knapp dreimal so viel wie im Jahr 2000.
  • Nach einem starken Beschäftigungswachstum bis 2011 zeigt sich seitdem ein deutlicher Rückgang.
  • Verantwortlich dafür war zunächst der weitgehende Zusammenbruch der heimischen Photovoltaikindustrie.
  • Seit 2017 geht auch die Produktion in der Windenergie stark zurück. Die wesentlichen Treiber sind Einbußen im Außenhandel und ungünstige Rahmenbedingungen im Inland.

Diese Trends müssen wir stoppen und in ihr Gegenteil verkehren.

Transformation

All die genannten Punkte müssen wir als zusammenhängende Herausforderung begreifen und gestalterisch angehen. Die Wandlung der Arbeitswelt erfordert an vielen Stellen die Aufgabe überlebter Berufsbilder und den Übergang in neue Tätigkeiten. Dieser Prozess wird aktuell unter dem Begriff Transformation vielerorts diskutiert. Wir alle müssen diesen Prozess als etwas positives begreifen lernen. Es geht nicht darum, Menschen aus ihren angestammten und gesicherten Arbeitsverhältnissen zu verdrängen, sondern darum, neue attraktive Berufsfelder zu schaffen, die uns, unsere Wirtschaft und die Gesellschaft fit für eine lebenswerte Zukunft machen. Arbeitsplätze in nicht mehr tragfähigen Bereichen werden verschwinden. Es wird dafür aber viele neue innovative und herausfordernde Tätigkeiten geben, die Ersatz bieten.

Lebenslanges Lernen und auch Umlernen dürfen wir nicht länger als Bedrohung wahrnehmen, sondern müssen wir als Möglichkeit begreifen, neues zu entdecken.

Diesen Wandel müssen wir aktiv angehen. Unser Bildungssystem muss sich diesen Herausforderungen stellen. Der Abbau von Zugangshemmnissen und die Schaffung von Bildungsgerechtigkeit muss unser Ziel sein. Nur dann sind wir dazu in der Lage, Menschen auf ihre neue Zukunft vorzubereiten. Lebenslanges Lernen und auch Umlernen dürfen wir nicht länger als Bedrohung wahrnehmen, sondern müssen wir als Möglichkeit begreifen, neues zu entdecken. Wir müssen unsere Vorstellung von Bildung und unser Bildungssystem dahin öffnen, dass unsere Ausbildung nicht mit Ende der Jugendzeit abgeschlossen ist. Auch in späteren Jahren sind wir dazu in der Lage, neues zu lernen. Wir können dieses Anliegen unterstützen, indem wir allen Interessierten mit Mitteln wie Kurzarbeitergeld für Bildung finanzielle Möglichkeiten dafür eröffnen. Damit wir als Gesellschaft den Anschluss nicht verlieren, muss jede*r Einzelne von uns den Anschluss halten. Die Grundlagen für diesen Weg sind bereits alle gelegt. Wir müssen sie nur zielgerichtet weiterentwickeln und den Weg gemeinsam begehen. So kann uns beides gelingen: Bestehen auf den Arbeitsmärkten der Zukunft und Bewahrung unserer Lebensgrundlagen in einer lebenswerten Welt. Die Förderung von Bildung, Digitalisierung, Transformation und Umwelttechnologien sind die Lösung. Grün denken und sozial handeln sind keine Gegensätze.